Kritik im Offenburger Tageblatt vom 27.02.2026
Von Regina Hellig
Offenburg. „Der König stirbt“ von Eugene Ionesco ist eine erschreckend aktuelle Parabel über das Verhängnis einer Herrschaft, in welcher der Machthaber komplett die Bodenhaftung verloren hat. Das Regieduo „Harriette Hope“ (Michelle Brubach und Mimi Schwaiberger) des Offenburger Theaters im Gewölbe hält die Szenerie streng und karg, setzt Licht und Ton aber üppig, sehr gezielt und wirkungsvoll ein.
Wie in einem Puppentheater stellen sich zuerst die handelnden Personen vor, weniger lebendige Menschen als vielmehr Platzhalter einer bestimmten Geisteshaltung. Am deutlichsten wird dies bei den beiden Königinnen Margarete (Barbara Krehl) und Maria (Barbara Lampert).
Während letztere, „die Königin, die seinem Herzen am nächsten ist“, für gute Laune sorgt und hilft, „dem Tagwerk aus dem Weg zu gehen“, verkörpert die alte Königin Vernunft und Weitsicht, ab und an gewürzt mit einer Prise Häme. Überaus trocken und treffend argumentierend, könnte sie wohl für Bodenhaftung in diesem royalen Tollhaus sorgen, wenn nur jemand auf sie hören würde.
Allerdings ist Königin Margarete dann auch die Einzige, die bis zum letzten Atemzug beim König bleibt. Die „Wachen“ (Petra Lucas und Klaus Zentner) bestehen aus Haltung, Gehorsam vor allem Anpassungsfähigkeit, Haushälterin „Julchen“ vereinigt in ihrem guten Herzen die Naivität der ganzen Welt. Sterndeuter und Scharfrichter (Gereon Niekamp) und Arzt (Michael Lauther), aufgeblasen und unbrauchbar, sind wahre Denkmale der kritiklosen Jasager dieser Welt.
Nichts ändert sich
Alle wissen, dass der König sterben wird, nur er selbst lässt diese Erkenntnis auf Biegen und Brechen nicht an sich heran. Wenn er wie ein trotziges Kleinkind gegen das Unvermeidliche wettert und wütet, liefert Amelie von Schönach eine wahrhaft meisterliche Vorstellung ab.
Bis ganz zum Schluss wird nicht aufgelöst, wie es sein kann, dass dieser König offenbar schon seit Jahrhunderten regiert und munter sein Land herunterwirtschaftet. Erst in der allerletzten Sekunde taucht Anouk Gutmann in der Rolle des neuen, blutjungen Königs auf und schnappt sich ungerührt Krone und Zepter. Man ahnt es: Der heiß ersehnte Tod des alten Nichtsnutzes ändert für das Land leider nicht das Geringste.
Mit rauschendem Applaus in beiden Vorstellungen belohnten Zuschauerinnen und Zuschauer am Wochenende in der jeweils gut besetzten Reithalle die eindrucksvolle Vorstellung des Theaters im Gewölbe „Thig“. Die seit vielen Jahrzehnten bestehende Theatergruppe hat sich mit wechselnden Regisseurinnen und Regisseuren immer wieder neu erfunden.
In der aktuellen Inszenierung ist die eigens angefertigte Kulisse aus der Hand von Reinhard Lampert und Klaus Zentner der Clou, wenn der sich immer weiter vergrößernde „Riss in der Wand“ zum das Land verschlingenden Höhlenschlund wird, durch den die Blitze zucken.







Schreibe einen Kommentar